Die Faszination eines Lebens in Zwischenräumen

Ein Dokumentarfilmer über Dolmetscher Meister der Verständigung oder melancholische Einzelgänger? Vom Wunsch nach Erkenntnis beseelte vergeistigte Wesen oder Seismographen historischer Prozesse? Von allem etwas und noch viel mehr, meint David Bernet, der gerade an einem Dokumentarfilm über vier Generationen von Konferenzdolmetschern arbeitet.  Vincent Buck sprach mit David Bernet bei den Dreharbeiten in Brüssel.

David Bernet, wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Dokumentarfilm über Dolmetscher zu drehen? 

Die Idee ist in der Tat relativ  alt. Sie geht unter anderem auf ein Gespräch zurück, das ich vor einigen  Jahren mit einer Dolmetscherin des Berliner Filmfestivals hatte.  Schon damals fragte ich mich, ob die Arbeit von Dolmetschern nicht ein interessantes Sujet wäre.

Mein tieferes Interesse  für  das Thema aber, das einen über mehrere Jahre irgendwie verfolgt und schließlich den Entschluss zur Verwirklichung auslöst, das kommt ursprünglich von der Lektüre von Gustave Flauberts Salammbô. Ein historischer Roman über den Niedergang Karthagos. Der Roman beginnt mit einer herrlichen Beschreibung einer Orgie vor den Toren der Stadt. Die karthagischen Kriege  sind beendet und die Söldnerheere aus allen Weltgegenden lungern arbeitslos  herum. Der daraus erwachsende Konflikt führt schließlich zu einem monumentalen Massaker. Aber bevor es dazu kommt, schwirren  zwischen diesen bunten und lauten, aber in allen Sprachen redenden Söldnern Angehörige einer ganz eigenen, etwas ätherisch  wirkenden Spezies umher. Sie sind die Medien für eine diplomatische Konfliktlösung  -  Sklaven, die in allen möglichen Sprachen zu Hause sind. Auf der Brust haben sie eine einheitliche Tätowierung: einen Papagei. Ich hatte Gefallen gefunden an diesen zarten, vergeistigten Wesen und bin, wenn ich so sagen darf, damit der Faszination  für  die literarische Vorstellung vom Dolmetscherleben als Leben in Zwischenräumen verfallen.  Ich kann sagen, das war der Ausgangspunkt, mich mit dem modernen Pendant zu beschäftigen.

Was findest Du an den Dolmetschern, denen Du begegnet bist, besonders charakteristisch? Haben sie überhaupt etwas gemeinsam, egal, woher sie kommen?

Nach unseren bisherigen Gesprächen, die ich zusammen mit meinem Ko-Autor und Produzenten Christian Beetz geführt habe, kann ich sagen: es gibt in der Tat Charakteristiken. Ich weiß nicht, ob es eine  Prägung durch den Beruf ist, oder ob es eben gewisse  persönliche Züge sind, die einen an diesen Beruf heranführen.

Ich schätze – wir reden hier jetzt auf sehr allgemeiner Ebene – bei Dolmetschern sehr ihre unbremsbare Neugier, den maßlosen Wissensdurst und die für Beobachter fast schon schmerzhafte Präzision in der Arbeit.  Aber mit Sicherheit gilt für alle Dolmetscher die große Redefreudigkeit. Das scheint mir definitiv mit dem Beruf zu tun zu haben. Einige unserer Gesprächspartner bezeichneten diese unzögerliche Art zu kommunizieren  als „déformation professionelle“.  Stimmt vielleicht. Aber ehrlich gesagt, mir kommt das sehr entgegen.

Konferenzdolmetscher arbeiten oft versteckt in den Kulissen größeren Weltgeschehens. Kommt das in ihrem Auftreten zum Ausdruck, oder haben sie auf Dich wie ganz normale Menschen gewirkt?

Dokumentarfilme leben davon, dass sie den Zuschauern Dinge zeigen, die nicht ganz normal sind, die im gewohnten Gesichtsfeld nicht vorkommen. Wir haben für dieses Projekt geworben damit, dass Dolmetscher oft sehr ausgeprägte Charaktere darstellen und gewissermaßen eine eigene Erfahrungswelt haben, die man mit so einem Film erschließen kann. Aber das ist auch tatsächlich mein Eindruck.  Ich glaube, diese Mischung aus Eigenschaften, die einen zum Dolmetscher werden lassen, der schnelle Verstand, der Wunsch nach permanenter Weiterbildung, Einfühlungsvermögen gegenüber völlig fremden Menschen und trotzdem größtmögliche Neutralität, das lässt einen etwas anders in die Welt blicken. Aber um auf die eigentliche Frage zu kommen: mir scheint, die dauernde Anwesenheit in den Zentren gesellschaftlicher Repräsentation hat seinen Niederschlag im Auftreten von Dolmetschern. Ich sehe da schon einen gewissen Zug zu erhöhter Performanz, wenn ich so sagen darf.

Was die Kollegen dolmetschen, können auch schmerzhafte Inhalte sein. Ich denke an Dolmetscher, die für Kriegsverbrecherprozesse arbeiten oder arbeiteten – vom Nürnberger Prozess bis zum aktuellen Jugoslawientribunal.  Wie verarbeiten sie das? Haben die Dolmetscher, mit denen Ihr gesprochen habt, eine besondere Art, damit zurechtzukommen?

Wir haben vor, das herauszufinden. Wir sind in diesen Gesprächen noch nicht allzu tief gegangen. Aber soweit ich bisher höre, ist das eine sehr schwierige Aufgabe. Es gibt ja, soweit mir bekannt ist, für Dolmetscher ebensowenig wie für Journalisten oder Ärzte eine Traumatherapie. Die Frage, wie es ist, mitten in menschlich schwer zu ertragenden Dingen zu stehen, sie bis ins letzte Detail zu verstehen und doch davon so wenig wie möglich berührt zu sein, beschäftigt mich persönlich schon sehr lange. Ich denke, es gibt da eine Psychologie der Neutralität, die ihre Grenzen hat. Ich habe gerade eben an einem Film mitgearbeitet,  der genau diese Frage an Mitglieder von Rot-Kreuz-Missionen im Zweiten Weltkrieg stellt  (in Kürze in schweizerischen Kinos unter dem Titel „mission en enfer“ zu sehen).  Das Resultat ist ein Kaleidoskop menschlicher Überlebensstrategien und Befindlichkeiten, die sehr individuell sind, vor denen aber bestimmt auch Dolmetscher nicht gefeit sind.

Manche sagen, Konferenzdolmetscher sind Weltbürger. Praktisch ist  es so, dass viele aufgrund ihrer Tätigkeit Weltenbummler sind. Dieses Hin- u. Herjetten und das Leben zwischen den Kulturen hat Euch in Euren Recherchearbeiten besonders interessiert. Warum?

Ja das stimmt. Ich selbst habe eine sehr positive Vorstellung von Entwurzelung. Das hat für mich mit einem Sinn für Freiheit  zu tun und einer schwer zu sättigenden Freude an Weltläufigkeit. Aber die Gestalt des Weltbürgers hat ja mindestens zwei Gesichter. Einerseits verkörpert der Weltbürger individuell den sehr schönen Traum der Weltgemeinschaft, er ist die Gelassenheit in Person, ein Muster an Verständigungsbereitschaft und Geschmeidigkeit. Andererseits verströmt der Weltbürger die Melancholie des Einzelgängers, der weiß, dass er sich gegenüber den „Sesshaften“ nicht mehr wirklich verständlich machen kann.  Ich habe unter Freelancern doch einige kennengelernt, die diesem Bild des Weltbürgers  mit sichtbarem Genuss Ausdruck geben. Mich interessieren beide Seiten. Es ist eine sehr gebildete Art der Weltläufigkeit, die gerade in ihren verlorensten Momenten ein sehr schönes Rätsel sichtbar macht: nämlich das, warum man sich ständig neuen Dingen aussetzen will,  das Rätsel vom Wunsch nach der Intelligibilität der Welt. Na, das ist jetzt etwas pathetisch formuliert. Aber  dennoch: bei allem Interesse für permanentes Umherziehen, für die kleinen Schwierigkeiten und Freuden, die damit verbunden sind, gerade in Verständigungsfragen, interessiert mich auch da letztlich diese Sehnsucht, die bei aller Hektik im Menschen ruht.

Interessanterweise fokussiert Euer Dokumentarfilm auf vier Generationen von Konferenzdolmetschern. Warum habt Ihr die Storyline so aufgebaut, und wie unterscheiden sich in Euren Augen diese vier  Dolmetschergenerationen?

Interessanterweise gibt es tatsächlich sehr große Unterschiede in den Generationen. Ich will mich da im Moment nicht allzusehr auf die Äste hinausbegeben. Dafür stehen uns dann 60 Minuten Film zur Verfügung. Deine Fragen zielen aber offensichtlich auf die allgemeine Wahrnehmung eines Dolmetschertypus. Und es ist sicher  auch die Aufgabe eines solchen Films, so etwas wie ein öffentliches Bild des Berufs zu zeichnen, das es meiner Meinung nach bis heute nur sehr schemenhaft bis gar nicht gibt.

Der Film selbst besteht, ganz grob formuliert, aus Individuen, die sich in identischen bzw. ähnlichen Arbeitswelten  bewegen. Niemand ist automatisch Repräsentant für eine ganze Gruppe oder Generation. Zumindest zielen wir mit diesem Film nicht spezifisch auf Klischeebildung. Wir haben es mit Individuen zu tun. Dass wir dafür Personen unterschiedlicher Generationen wählen, gibt uns aber dennoch die Möglichkeit, die sehr spannende Entwicklung dieser Arbeitswelten zu erzählen, mit der sich auch die Berufsauffassung gewandelt hat. Die Entwicklung der internationalen Kommunikation in den letzten 60 Jahren ist atemberaubend. Die Dolmetscher als eines ihrer Medien sind von ihr abhängig und von ihr geprägt. Je nachdem, wo man als Individuum in diesen historischen Prozess eingestiegen ist, entwickelt  man ein unterschiedliches Berufsprofil  – aber auch das hat vielleicht mehr mit der sozialen Rolle und dem jeweiligen öffentlichen Bild von Dolmetschern zu tun und weniger mit der persönlichen Konstitution des Individuums.

Ich habe aber den Eindruck, dass sich Strömungen und Tendenzen im internationalen Geschehen im Berufsbild  der Dolmetscher auf recht direkte Weise niederschlagen.  Das ist besonders interessant, weil sich diese Strömungen in internationalen Milieus vollziehen, die vom normalen Nachrichtenkonsumenten nicht einmal wahrgenommen werden können. Dolmetscher sind daher vielleicht auch so etwas wie Seismographen bestimmter historischer Prozesse. Wie das sichtbar gemacht werden kann, gilt es noch herauszufinden.

Ich danke für das Gespräch und wünsche einen erfolgreichen Film.



Recommended citation format:
Vincent BUCK. "Die Faszination eines Lebens in Zwischenräumen". aiic.fr June 19, 2003. Accessed October 15, 2019. <http://aiic.fr/p/1177>.

Über den Autor (en)
Vincent BUCK

Vincent Buck is a Brussels-based freelance conference interpreter and IT systems analyst