Mehrsprachigkeit ist ihren Preis wert

Marko Naoki Lins sprach mit Burckhard Doempke, der seit über 30 Jahren als freiberuflicher Konferenzdolmetscher in Brüssel tätig ist, um zu erfahren, wie er arbeitet und wie ein typischer Brüsseler Ta

Ohne sie würde sich Brüssel schnell in einem babylonischen Sprachwirrwarr verlieren. Knapp 2000 Dolmetscher sorgen für eine meist reibungslose Kommunikation im Zentrum des vielsprachigen Europas. Marko Naoki Lins sprach mit Burckhard Doempke, der seit über 30 Jahren als freiberuflicher Konferenzdolmetscher in Brüssel tätig ist, um zu erfahren, wie er arbeitet und wie ein typischer Brüsseler Tag eines Dolmetschers aussieht.

MNL: Wie sieht der Arbeitsalltag eines Dolmetschers aus?

BD: Es kommt darauf an, was gerade ansteht. Es gibt zum Beispiel im Europäischen Parlament drei Hauptbereiche: zum ersten die Ausschusssitzungen, dann die Fraktionssitzungen und die Plenartagungen - in jeweils verschiedenen Wochen. In einer Ausschusswoche weiß ein Dolmetscher, dass es schwierig werden kann, da die Thematik häufig sehr fachspezifisch ist. Normalerweise erfährt man ein paar Tage zuvor, in welchem Ausschuss man sitzen wird und kann sich vorbereiten, indem man sich Informationen aus dem Internet holt. Manchmal kommt es aber zu Änderungen, so dass man statt im Umweltausschuss kurzfristig im Ausschuss für Außenwirtschaft eingesetzt wird. Dann muss sich der Dolmetscher schnell umstellen, aber Routine und Erfahrung helfen dabei. In den Fraktionssitzungen geht es eher um politische Diskussionen, während in den Straßburger Plenarwochen alles vorkommt: Neben dem Plenarsitzungen finden Pressekonferenzen, Sitzungen mit Besuchern und vieles mehr statt ... Das Arbeitsprogramm ist vollkommen unvorhersehbar, so dass man manchmal um 9 Uhr morgens anfängt und mitternachts immer noch arbeitet., wenn auch glücklicherweise mit längeren Pausen zwischendrin.

MNL: Wie lange kann ein Dolmetscher am Tag arbeiten?

BD: Im Parlament ist das ausserhalb der Plenarwochen strikt geregelt: Man fängt um 9 Uhr an und arbeitet bis 12 Uhr 30. Dann folgt eine zweistündige Mittagspause. Nachmittags wird zwischen 14 Uhr 30 und 18 Uhr 30 gearbeitet. Ausnahmsweise sind wir auch mal bis 19 Uhr im Einsatz, aber dann ist Schluss. Wenn eine Ausschusssitzung länger dauern soll, muss vorher ein neues Dolmetscherteam gebucht werden, das das Tagesteam ablöst.

MNL: Wieviele Dolmetscher gibt es in Brüssel?

BD: Genau kann das keiner sagen. Sicherlich gibt es in Brüssel mehr Dolmetscher pro Quadratmeter als sonstwo in der Welt. Ein Teil der Dolmetscher bei den EU-Institutionen oder bei der NATO ist beamtet. Deren Zahl ist natürlich bekannt. Ich denke, es sind zur Zeit bei der EU zirka 450 für alle Sprachen. Die Zahl wird mit der Erweiterung steigen. Gleichzeitig beschäftigt die EU, die der größte Arbeitgeber für Dolmetscher ist, pro Woche bis zu 1000 weitere freiberufliche Dolmetscher. Zusätzlich gibt es viele andere freiberufliche Dolmetscher, die nur für Privatkunden arbeiten. Zu bedenken ist auch, dass die Berufsbezeichnung Dolmetscher nicht geschützt ist: theoretisch kann sich jeder als Dolmetscher bezeichnen, wenn er irgendwie von einer Sprache in eine andere Sprache vermittelt.

MNL: Was muss man als professioneller Dolmetscher mitbringen? Reichen gute Fremdsprachkenntnisse?

BD: Sprachkenntnisse sind eine Grundvoraussetzung wie das Klavier für einen Pianisten. Aber nicht jeder, der Sprachkenntnisse hat, kann dolmetschen. Man muss die Fähigkeit haben, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, denn als Dolmetscher hört man zuerst in einer Fremdsprache und muss gleichzeitig verstehen, worum es geht. Danach muss man das Gesprochene umsetzen und es in einer anderen Sprache wiedergeben, wobei man ununterbrochen weiter zuhören muss. Und man muss gleichzeitig sich selbst zuhören, damit man sicher geht, dass das, was man sagt, einen Sinn ergibt und grammatikalisch richtig ist.

MNL: Wieviele Dolmetscher sitzen in einer Dolmetscherkabine?

BD: Das Minimum sind zwei. Sobald aus mehr als sechs Sprachen gedolmetscht wird, sind es drei. Die Grundregel ist, dass man in seine Muttersprache dolmetscht. Ich arbeite aus dem Niederländischen, Französischen und Englischen ins Deutsche und werde nach Möglichkeit nach einer halben Stunden von einem Kollegen abgelöst.

MNL: Gibt es nach dreißig Jahren immer noch Stressmomente?

BD: Ja, auf jeden Fall. Jeder Tag ist ein Stressmoment. Wenn ich in die Kabine komme, mich hinsetze und mir die Unterlage anschaue, fühle ich Stress. Das legt sich, wenn es anfängt. Wie bei einem Schauspieler, der trotz langjähriger Bühnenerfahrung jedes Mal Lampenfieber hat. Es wäre gar nicht so gut, wenn man keinen Stress mehr empfände, denn dann nimmt man seinen Beruf nicht mehr ernst genug.

MNL: Graut es einem Dolmetscher vor manchen Rednern oder Themen?

BD: Wenn ich weiss, dass ich einen Jean-Marie Le Pen dolmetschen muss, geht mir das schon gegen den Strich. Andererseits lasse ich mir das als professioneller Dolmetscher nicht anmerken. Im Gegenteil: man neigt dazu, als Dolmetscher zu überkompensieren und seine Botschaft noch überzeugender zu formulieren als der Redner selber, weil man eben vermeiden möchte, dass die eigenen Überzeugungen mit einfließen. Beruf ist Beruf, da muss man eigene Gefühle beiseite lassen.

MNL: Muss man sich als Dolmetscher dauernd weiterbilden und unterliegt man Qualitätskontrollen?

BD: Jeder Tag ist eine Qualitätskontrolle. Es werden regelmäßig Berichte mit Beurteilungen über die Dolmetscher geschrieben. Zusätzlich gibt es Weiterbildungslehrgänge mit themenspezifischen Schwerpunkten - zum Beispiel zu den Erweiterungsländern. Ich selbst würde, wenn ich etwas mehr Zeit hätte, gerne Tschechisch lernen.

MNL: Wäre aus Kostengründen ein einsprachiges Europa nicht wünschenswert?

BD: Der Kostenaspekt ist ja nur relativ. Man darf die Kosten nicht vergessen, die durch Missverständnisse entstehen. Nur eine kleine Zahl Menschen beherrscht Englisch so gut, dass sie ihre Botschaft auch in einer Fremdsprache übermitteln kann. Bei Einsprachigkeit würden wir in die Situation kommen, dass ein gewählter Volksvertreter, der das Englische nicht so gut beherrscht, nicht mehr das sagt, was er sagen möchte, sondern nur noch das, was er sagen kann. Man kann doch nicht von einem Europaabgeordneten verlangen, dass er aufgrund seiner Englischkenntnisse gewählt wird; er muss doch primär die Interessen seiner Wähler kennen. Man wird in Zukunft ein Vollsprachenregime wahrscheinlich auf EU-Gipfelkonferenzen und Plenartagungen im Europäischen Parlament beschränken, während auf technischer Ebene nach Bedarf gedolmetscht werden wird, wie es schon heute der Fall ist.


Für mehr Informationen zum Thema bietet sich die Webseite der Internationalen Konferenzdolmetschervereinigung an: http://www.aiic.net/ . Auch Herr Burckhard Doempke steht für Rückfragen zur Verfügung.

Es gibt mehrere Dolmetschermodelle, um in einem vielsprachigen Regime zu arbeiten. Eine Auswahl:

1. Symmetrisches Dolmetschen: Der Idealtypus. Es wird aus jeder Sprache in jede Sprache gedolmetscht. Bei 20 EU-Amtssprachen wären das 380 Kombinationen.

2. Retour: Der Dolmetscher arbeitet in seine eigene Sprache und dolmetscht in eine andere Sprache zurück.

3. Relais: Kein direktes Dolmetschen mehr. Es wird über eine Brückensprache von der Original- in die Zielsprache gearbeitet.

4. Asymetrische Sprachabdeckung: Man kann in seiner eigenen Muttersprache sprechen, aber es wird nur in eine begrenzte Anzahl von Sprachen gedolmetscht.



Communicate! dankt für die Genehmigung zur Übernahme dieses Artikels, das im Original in


"Das Belgien Magazin", April 2004 erschien (

http://www.gev.be/).

Recommended citation format:
Marko Naoki Lins. "Mehrsprachigkeit ist ihren Preis wert". aiic.fr May 17, 2004. Accessed October 15, 2019. <http://aiic.fr/p/1481>.